Klettern mit Google: eine Analyse
In zahlreichen Publikationen lässt sich regelmässig nachlesen, was man im Gespräch mit anderen Kletterern längst erfahren hat: die Vertikale liegt voll im Trend, ständig wächst die Zahl der Kletterer, ein Ende des Booms ist kaum in Sicht. Persönlich glaube ich zwar nicht an einen Boom, vermutete bislang aber zumindest ein stetig wachsendes Interesse. Ein bißchen Geklicke auf Google Trends scheint jedoch Gegenteiliges nahezulegen. Wie man Statistiken fälscht, erfahrt ihr in diesem Bericht.
Google Trends ist eine neue Google-Funktion, deren Funktionsweise denkbar einfach ist: ein eingegebener Suchbegriff erzeugt eine Grafik, welche die Häufigkeit des Suchbegriffs in den letzten Jahren visualisiert.
“klettern”
Um es nicht unnötig spannend zu machen, findet ihr nebenstehend den Stein des Anstosses. Die Häufigkeit der Verwendung des Begriffs “klettern” in Google-Suchen. An der Wellenform sieht man sehr schön die jahreszeitlichen Schwankungen im Interesse der kletterinteressierten Google-Nutzer: im Sommer ist “klettern” stellenweise mehr als doppelt so beliebt wie im Winter. Das habe ich auch schon vorher gewusst. Erstaunt hat mich hingegen die abnehmende Beliebtheit des Begriffs über die letzten Jahre: von 2004 bis 2009 ist die Verwendung im Sommer kontinuierlich um über 30% zurückgegangen. Im gleichen Zeitraum hat sich dagegen das Vorkommen des Begriffs “klettern” in Newsbeiträgen fast verdreifacht. Interessanterweise ist dieser Bereich auch deutlich weniger von jahreszeitlichen Schwankungen betroffen.“bouldern”
Na klar, die ganzen Kletterer lassen sich jetzt die Haare lang wachsen, kaufen sich eine ultrahippe Mütze nebst iPod und gehen jetzt bouldern! Vermutlich nicht. Wie die nebenstehende Grafik verrät, ist die Beliebtheit von “bouldern” seit 2007 auf dem gleichen Niveau. Der untere Teil der Grafik verhält sich demgegenüber unerwartet: die Erwähnung des Begriffs “bouldern” in Newsbeiträgen scheint in den letzten Jahren förmlich zu explodieren. Viel Lärm um nichts?“klettern”, “bouldern”
Ebenfalls erstaunlich ist der direkte Vergleich der beiden Suchbegriffe: “klettern” (blau) liegt mit einer über zehn Mal grösseren Beliebtheit weit vor “bouldern” (rot). Das hätte ich nicht erwartet. Die sonst so online-affinen Boulderer müssen offenbar weitaus seltener zur Suchmaschine greifen. Wir haben jedenfalls für’s Erste genug Zahlen gesammelt, um ein paar Vermutungen über deren Entstehung anstellen zu können. Aber eines möchte ich euch auf keinen Fall vorenthalten…“klettern”, “bouldern”, “fussball”
…denn langsam wird es Zeit, diese relativen Zahlen in einen greifbaren Zusammenhang zu setzen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie unsere Sportart im Vergleich mit anderen in der Beliebtheit bei Google abschneidet. Was sagt uns also der Fussball-Verstand? Richtig. Und wenn man eine geeignete Maßeinheit wählt, lassen sich sowieso alle Messdaten auf einer geraden Linie einzeichnen. In Jahreszahlen die durch 2 teilbar sind erkennt man natürlich WM und EMs, und in den Jahren 2007 und 2009 lässt sich sehr schön das Ende und der Beginn der jeweiligen Saison ablesen. Fussball ist offenbar doch ein Zuschauersport. Zur Erinnerung: die ehemals sinusförmige Verteilung für “klettern” ist hier lediglich als blaue Waagerechte am unteren Bildrand zu erkennen. Der Fussball ist bei Google-Nutzern aber immerhin nur zehn Mal interessanter als klettern. Findet das sonst noch jemand erstaunlich?Analyse
Zurück zum Thema: wie lassen sich diese Zahlen also erklären? Die Abnahme der Häufigkeit des Suchbegriffs “klettern” bei Google lässt sich immerhin deutlich messen. Möglicherweise ist Klettern tatsächlich auf dem absteigenden Ast, aber wesentlich wahrscheinlicher ist wohl folgende Erklärung: der einzelne Kletterer ist zunehmend weniger auf die Hilfe von Suchmaschinen angewiesen, denn statt benötigte Informationen den statischen Seiten Einzelner zu entnehmen, bedient er sich lieber der diversen neu entstandenen Communities (Kletterdorf, trekking-forum usw.) und steuert diese per Bookmark an, um sich dort im direkten Kontakt mit einer Vielzahl anderer Teilnehmer umfassender und genauer über die Gegebenheiten am lokalen oder entfernten Fels zu informieren, als dies auf Privatseiten möglich wäre. Überdies lassen sich auf diesem Weg zusätzlich gleich noch geeignete Kletterpartner finden. Damit lässt sich auch bequem die Diskrepanz zwischen sinkender Benutzung von “klettern” in Google-Suchen bei gleichzeitig steigender Verwendung von “klettern” in Newsbeiträgen erklären. Vermutlich ist das Interesse am Klettersport global gesehen in den letzten Jahren unverändert. Manche kommen, manche gehen. Auf einen Boom lassen die Zahlen sicher nicht schliessen, höchstens auf einen Hype.
Dass nach “bouldern” so viel weniger gesucht wird als nach “klettern” ist erstaunlich. Meine Vermutung ist, dass Boulderer sehr viel stärker lokal vernetzt sind und bei der Vorbereitung zur Ausübung ihres Sports daher nicht so stark auf das Internet angewiesen sind: man verabredet sich privat über Telefon oder fährt einfach zur erstbesten Halle oder zum nächsten Fels: irgendwer wird dort sowieso schon sein. Zudem braucht man zum Bouldern deutlich weniger Material, was die Motivation für Google-Suchen weiter einschränkt. Natürlich kommt der Begriff “klettern” auch in anderen Zusammenhängen öfter vor; es gibt wahrscheinlich deutlich weniger Märchen, Erzählungen, Zitate, Zeitungsartikel oder Fernsehberichte über das Thema Bouldern. Und selbstverständlich ist die Beliebtheit von Bouldern demographisch nicht homogen verteilt: während die Gruppe der über 30-jährigen Boulderer verhältnismässig klein sein dürfte, können die Kletterer mit einem ganzen Heer grauhaariger Sportfreunde aufwarten. Deren Bedürfnis nach fachspezifischer Information ist möglicherweise höher als das ihrer jüngeren Kollegen, da altersbedingt der ausgeprägte Drang zur Gruppenbildung zurückgeht und man dementsprechend weniger Informationen im direkten Gespräch erfährt.
Interessant wäre in diesem Zusammenhang ein Blick auf die Umsatzzahlen im Bereich “Klettern” der vielen (Online-)Händler und natürlich die Frage: brauchen wir eher mehr oder eher weniger Kletterer?



